FRAGE: Notfalls Testimonials erfinden?

 

Meine Frage betrifft einen Auftrag, für den ich sehr wenig Zeit hatte. Gerade der kurzfristige Abgabetermin war Grund für meine moralische Unsicherheit:

Für ein Veranstaltungsprogramm sollte ich „Zwischentexte“ produzieren, die die Terminauflistungen auflockern sollten. Diese Zwischentexte sollten Aussagen von „Testimonials“ sein. Deren Aussagen sollten im weitesten Sinne mit der Veranstaltung zu tun haben. Vor allem aber sollten sie für die Veranstaltung werben, die zum ersten Mal stattfand.

Geeignete „Testimonials“ in so kurzer Zeit zu recherchieren, über ein Wochenende zu kontaktieren und deren Aussagen in eine geeignete Form zu bringen, war für mich nicht möglich – wie ich dann einsah. Stattdessen hätte ich gerne „Typen“ konstruiert und diesen passende Aussagen in den Mund gelegt.

Ist es zulässig, diese Typen mit Namen, Alter und Beruf auszustatten (z.B „Ingrid S. (32), Nachtschwester: Ich mache seit zwanzig Jahren Nachtwache…“)? Oder muss dahinter immer eine reale Person stehen?

Muss ich in irgendeiner Form kennzeichnen, dass es sich um fiktive Personen handelt? Oder darf ich mir gemäß der Vorgabe „Hauptsache, es ist aus einem Guss!“ diese Freiheit nehmen?

Muss ich meinem Auftraggeber ungefragt gegenüber sagen, dass meine „Testimonials“ fiktiv sind?

Und schließlich: Darf ich die Aussagen von leibhaftigen Menschen gleichwertig neben die meiner fiktiven Personen stellen?

Anonyma/Anonymus

 

 
Antworten: 

Heribert Prantl: „Absolut unzulässig“


 

Es handelt sich um fingierte Kurzinterviews. Sie sind absolut unzulässig. Die Vermischung von echten mit gefälschten/fiktiven Interviews bemakelt auch die echten. Hinter einem Interview, ob kurz oder nicht, in dem eine Äußerung einer Person zugeordnet wird, muß diese Person stehen - udn sie muß existieren.
Wegen fiktiver Geschichten/fiktiver Personen sind schon Pulitzer-Preise aberkannt worden. Keine wirtschaftliche oder zeitliche Bedrängnis beim Autor kann solche Erfindungen rechtfertigen. Journalismus ist nicht die Wiedergabe dessen, was so oder so ähnlich sein könnte, sondern dessen, was ist. Ein Autor kann natürlich vorab schreiben, dass er alle nachstehenden Interviews/`testimonials" erfunden hat - wenn das so ist, muß er dies auch tun. Aber dann wird kein vernünftiger Auftraggeber sie ihm abnehmen.

 

 

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Bernhard Debatin: „Das Erfinden von Personen ist eine Fälschung“


Hinter dieser Frage stecken mehrere Probleme, die zunächst einzeln betrachtet werden sollten:

Termindruck ist in vielen, wenn nicht den meisten Fällen eine wichtige Ursache für moralische Konflikte und daraus resultierendes Fehlverhalten. Es ist deshalb ratsam, bei der Annahme von Aufträgen immer zu ergründen, ob der Auftrag in dem gegebenen Zeitrahmen überhaupt machbar ist. In der Anfrage heißt es klar, dass das Recherchieren und Zusammenstellen von tatsächlichen Testimonials in der vorgegebenen Zeit nicht möglich ist. Hier ist also bereits auf der Zeitebene ein Konflikt eingebaut.

  Aus der Perspektive der journalistischen Sorgfalts- und Wahrheitspflicht ist das Erfinden von Personen zur Auflockerung oder Illustration von Berichten keinesfalls zu rechtfertigen, auch wenn dies in der Boulevardpresse immer wieder geschieht. Das Erfinden von Personen, zumal um damit eine Art Zeugenschaft zu simulieren, ist schlicht eine Fälschung. Entsprechende Fälle, wie z.B. des ehemaligen STERN Reporters Born (der u.a. fiktive Interviews geliefert hatte), sind einschlägig bekannt und eindeutig als unethisch bewertet.



Werbung oder Journalismus?

Anders verhält es sich bei reinen Werbetexten. Hier ist falsche Information ebenso wenig akzeptabel wie im journalistischen Text, aber fiktive Elemente sind in der Werbung häufig zu finden, oftmals in Form von typischen Personen (wer erinnerte sich nicht an Frau Clementine aus der Waschmittelwerbung). Auch die häufig zu findenden "vorher-nachher" Bilder von (scheinbar) realen Personen gehen in diese Richtung.

Zu fragen ist nun, ob es sich bei dem fraglichen Veranstaltungsprogramm um einen Werbetext oder eher um einen journalistischen Text handelt. Die Frage ist nicht ganz einfach, da ein Veranstaltungsprogramm sowohl Werbe- wie auch Informationsfunktion hat. Wegen dieser Verbindung von Funktionen scheint mir die Erfindung von Personen nicht ratsam zu sein, da die Leser hier nicht unterscheiden können, welcher Anteil reine Werbung und welcher Information ist.

  Darüber hinaus geht es hier ja offensichtlich nicht nur um Illustration, sondern um Authentizität beanspruchende Bezeugungen. Selbst bei Werbetexten ist Vorsicht geboten, wenn man die Personen mit biographischen Details ausstattet und ihnen Aussagen in den Mund legt, um so den Anschein der Authentizität zu erwecken.



Juristische Folgen

Man sollte also entweder auf die Erfindung von solchen "Testimonial" Personen ganz verzichten, oder klar kennzeichnen, dass es sich um fiktive Personen handelt. Auf jeden Fall wäre aber mit dem Auftraggeber abzusprechen, ob fiktive Personen für Testimonials überhaupt akzeptabel sind (selbst wenn sie als fiktive gekennzeichnet sind). Dem Auftraggeber nicht zu sagen, dass die Aussagen fiktiv sind, könnte übrigens im schlimmsten Fall juristische Folgen haben, schließlich ist die Idee des "Testimonials" ja direkt mit der Idee realer Zeugenschaft verbunden, und es mag ja auch Teil des Auftrags sein, dass man entsprechende authentische Zeugnisse einholt und nicht einfach erfindet.

 

Was schließlich die Frage des Nebeneinanderstellens von realen und fiktiven Aussagen angeht, ist hier zu bedenken, dass hierdurch entweder die fiktiven Aussagen unberechtigt aufgewertet werden (wenn man nicht angibt, dass sie fiktiv sind), oder die realen Aussagen abgewertet werden (wenn man die fiktiven Aussagen als solche kennzeichnet).

 

Kurzum: Es ist anzuraten, die zusätzliche Arbeit auf sich zu nehmen, um entsprechende Aussagen von realen Personen zu bekommen, oder eben auf "Testimonials" zu verzichten. Fiktive "Testimonials", die als solche gekennzeichnet sind, wären zwar ethisch vertretbar, sind aber in sich selbst widersprüchlich und tragen nicht unbedingt zu dem Kommunikationszweck bei.

 

 

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Christian Sauer: „Sträfliche Irreführung des Lesers“


Es ist nicht auszuschließen, dass das Konstruieren von Testimonials in Teilbereichen des Journalismus, der Werbewirtschaft oder der PR-Industrie üblich ist. Es bleibt dennoch eine sträfliche Irreführung des Lesers und eine Selbstdemontage derer, die solche Schein-Kommunikation betreiben und fördern. Denn langfristig wird niemand persönlichen Statements noch glauben, selbst wenn sie echt sein sollten.

  Über die aktuelle und dringliche Situation der Kollegin/des Kollegen möchte ich nicht urteilen, es leuchtet mir ein, dass der Auftrag problematisch ist. Sollte in meiner Redaktion herauskommen, dass jemand teilweise oder ganz, offen (gegenüber der Redaktion) oder heimlich Statements und Zitate gefälscht hat, so würde die Zusammenarbeit im gleichen Moment ohne Honorarzahlung und dauerhaft beendet.

 

 

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