PR-Abteilung verstümmelt Zitate. Und jetzt?
Für eine Geschichte im Magazin der Handelskammer Hamburg ("Hamburger Wirtschaft") recherchierte ich vor Ort bei Airbus in Finkenwerder. Das Gespräch mit zwei Informanten und einer Dame aus der Kommunikationsabteilung war sehr informativ. Am Ende hatte ich tolles Material und schöne Zitate im Gepäck.
Nach der Recherche bot ich an, die Zitate und Fakten gegenlesen zu lassen, um etwaige Missverständnisse ausschließen zu können (das tue ich meistens). Nachdem ich die Zitate an meine beiden Informanten gemailt hatte, kamen diese Wochen später aus der Kommunikationsabteilung zurück, und siehe da, es waren auf einmal völlig andere Aussagen.
Die Sätze klangen nicht mehr wie ein Gespräch von Mensch zu Mensch, sondern so als hätte man sie mit dem Airbus-PR-Bügeleisen glatt gedrückt. Dadurch wäre meinem Bericht jede Atmosphäre verloren gegangen. Aber genau deshalb macht man ja vor-Ort-Termine. Ich habe also versucht, die Zitate weit möglichst im O-Ton zu belassen und war bereit, an der einen oder anderen Stelle auf Forderungen einzugehen. Das wollte Hamburgs Airbus-Sprecher Tore Prang jedoch nicht. Daraufhin entschied ich, mit Rückendeckung der Chefredaktion der „Hamburger Wirtschaft“, den Text unhonoriert fallen zu lassen.
Meine Frage an den Ethikrat:
Wie geht man mit solchen Situationen am Besten um?
a) So wie ich?
b) Die Originalzitate trotzdem verwenden und auf rechtlichen Beistand hoffen? (und deshalb Gespräche stets mitschneiden, um im Nachhinein beweisen zu können, dass man richtig gehört hat?)
c) Zitate gar nicht mehr abstimmen?
d) Sich die Zitate aus dem Kommunikationssprachrohr aufs Papier diktieren lassen und so den Untergang des unabhängigen Journalismus beschleunigen?
Daniel Hautmann, freier Journalist, Hamburg
Bernhard Debatin: „Vereinbaren Sie Regeln“
Ist das Kind erst in den Brunnen gefallen, steht man vor einem Dilemma: Aus ethischer Sicht ist es zwar lobenswert, wenn man sich dem Druck der Zitatverstümmler nicht beugt und den Text gar nicht erst veröffentlicht. Aber das ist eben nur eine Notlösung. Langfristig kann man es sich nicht leisten, Artikel nicht zu veröffentlichen, nur weil die PR-Leute der Meinung sind, dass hinterher alles umgeschrieben werden muss.
Auch die anderen vom Fragesteller genannten Optionen sind wenig befriedigend: den Text gegen den Willen der PR-Abteilung unverändert zu veröffentlichen oder gar nicht erst abzustimmen kann zu kostspieligen und nerven zehrenden Rechtsstreiten führen. Und die vierte Option, dem Druck nachzugeben und sich die Zitate direkt aus der PR-Abteilung in den Artikel diktieren zu lassen, ist schlicht inakzeptabel. Journalisten dürfen nicht, auch wenn dies in der PR-Branche mitunter anders gesehen wird, bloß der verlängerte Arm der Unternehmenskommunikation sein.
Der beste Ausweg aus dieser Situation ist, diese erst gar nicht entstehen zu lassen. Hier gibt es zwei Strategien:
1. Man bietet nicht den gesamten Text inklusive Zitate zum Gegenlesen an, sondern lediglich eine kondensierte Version mit den wichtigsten Fakten. Das bedeutet zwar Mehrarbeit, bewahrt aber die schönen Zitate vor dem Messer; gleichzeitig hat man sich aber im Blick auf die Fakten abgesichert.
2. Man stellt von Anfang an klar, dass man nicht bloß informelle Gespräche führen will, sondern die Zitate aus den Konversationen verwenden wird. Dabei kann die Vereinbarung von Regeln, ähnlich den üblichen Interviewregeln, hilfreich sein, damit keine sinnentstellenden Kürzungen und Manipulationen vorgenommen werden können. Ein solches Vorgehen mag mitunter abschrecken und die Schwelle zur Interviewbereitschaft höher legen, ist aber im Sinne der Klarheit und Eindeutigkeit sehr zu empfehlen.
Christian Sauer: „Besser, Sie schicken die Zitate gar nicht ein“.
Sie haben sich korrekt verhalten. Es ist sogar sehr anständig, wenn Sie als freier Kollege auf ein Honorar verzichten, um dieses allem Anschein nach verquere Ansinnen von Airbus ins Leere laufen zu lassen.
Trotzdem kann ich Ihre Lösung a) ("So wie ich.") nicht voll unterschreiben. Sie haben das Gegenlesen der Zitate offenbar von sich aus und im Nachhinein angeboten. Das war sicher im Sinne einer korrekten Recherche, aber auch etwas unvorsichtig im Umgang mit einem Großkonzern. Neben ausgewiesenen Profis (meist selbst gelernte Journalisten), die im Interesse Ihres Unternehmens mit Augenmaß kommunizieren, sitzen dort immer auch Leute, meist solche mit Marketing-Hintergrund, die extrem strategieorientiert arbeiten. Denen ist dann kein Zitat schmeichelhaft genug. Zudem gerät man leicht in Abteilungskonkurrenzen hinein.
Hilft das Mitschneiden von Recherchegesprächen? Ich glaube nicht, zuviel Aufwand. Besser, Sie schicken die Zitate gar nicht ein oder nur mit Begleitworten wie diesen: "Bitte ausschließlich auf inhaltliche Richtigkeit überprüfen." Dann können Sie es riskieren, im Konfliktfall die Lösung b) zu wählen, es also auf einen Rechtsstreit ankommen lassen. Presserechtlich ist der Ausgang schwer einzuschätzen. Allerdings müssten sich die Airbus-Kommunikatoren vor dem Gang zum Gericht gründlich überlegen, was an empörter Medienberichterstattung auf ihr Unternehmen zukäme.
Womit wir bei dem dritten Konfliktteilnehmer wären: der Redaktion. Für ein Verbandsmagazin finde ich es sehr bemerkenswert, dass die Redaktion Ihre Linie mitgetragen hat. Noch besser wäre es gewesen, wenn die Redaktionsleitung Airbus deutlich gemacht hätte, dass solche Sitten nicht einreißen dürfen und dass die Zitate in Ihrer Fassung gedruckt werden, sofern sie inhaltlich richtig sind. Damit hätte der Chefredakteur aber genau wie Sie einen Prozess und zusätzlich Ärger im Verband riskiert.
Es ist Aufgabe aller seriösen Journalisten, sich gegen die wachsenden Begehrlichkeiten aus PR- und Presseabteilungen zu verwahren. Warum sind PR-Agenturen inzwischen dreist genug, redaktionelle Fläche nach Preisliste zu verkaufen? Weil solche Praktiken aus der Fach- und Special Interest-Presse mit der Medienkrise bis in den Qualitätssektor vorgedrungen sind. Viele in der PR-Branche halten derartige Deals für normal. Wer wie Sie "nein" sagt, trägt dazu bei, das Terrain des sauberen Journalismus zu verteidigen.

