03.02.09Empfehlungen für Journalisten in sozialen Netzwerken

Kategorie: Web-Tipps, Branchenreport, Online

Von: Kirstin Marquardt

Die Prognosen im Web 2.0 für 2009 sind sich in einer Hinsicht einig: Zu erwarten sind weniger revolutionäre Neuigkeiten. Das Neue wird Normal. Twitter wird von der Nischenanwendung zum Mainstream, Facebook das wirkliche Second Life werden. Viele Journalisten twittern bereits, immer mehr Redaktionen erkennen die Bedeutung, die soziale Netzwerke für sie haben könnten.

 

Doch wie damit umgehen ?

Dass es in den Redaktionen großen Diskussionsbedarf gibt, hat auch das amerikanische Poynter Insitute in einer Virtual Poynter Sitzung mit Redakteuren der The Roanoke Times festgestellt. Sehr pragmatisch wurden während des Trainings per Videokonferenz ethische Richtlinien für Journalisten entwickelt, die sich in Social Networks wie Facebook, MySpace oder Twitter bewegen.

Der englische Originaltext bei Poynter lohnt sich als Einführung in das Thema "Journalisten in sozialen Netzwerken" in jedem Fall, da in den über 7.000 Zeichen auch einige Beispiele genannt werden. So findet sich auch ein Hinweis auf die New York Times' Policy on Facebook and Other Social Networking Sites. Jetzt auch hier ;)

Da ich allerdings dunkel ahne, dass der englische Text bei einigen Mitgliedern verschiedener Redaktionen keinen sofortigen Lesereflex auslöst, und ich gleichzeitig das Thema für den deutschsprachigen Raum für wichtig halte, möchte ich eine (leicht kommentierte) Übersetzung der drei Kernbereiche versuchen. Dieser Text ist meine Übersetzung des Textes auf Poynter Online mit herzlichem Dank an Kelly McBride vom Poynter-Institute. °KM

Empfehlungen für den redaktionellen Umgang mit sozialen Netzwerken:

a) Bei der Themenfindung und Recherche

b) Zur Markenbildung und als Marketing für die eigenen Veröffentlichungen

c) Für die Balance zwischen dem Persönlichen und dem Professionellen

Die Empfehlungen verstehen sich als nicht als vollständig und abgeschlossen. Sie enthalten zum Teil auch widersprüchliche Tipps für das Bewegen im Web 2.0, die zwischen der Absicht, transparent zu arbeiten und die eigene Privatsphäre zu schützen, oszillieren.

 

a) Themenfindung und Recherche in sozialen Netzwerken

(°Viele dieser Tipps sind Grundregeln des klassischen Qualitätsjournalismus. °KM)

Soziale Netzwerke sind inzwischen allgegenwärtig, so dass Journalisten, die meinen, auch heute noch ohne sie auszukommen, auf gute Gelegenheiten und große Geschichten verzichten. Deshalb empfiehlt das Poynter-Insitute den verantwortungsvollen Umgang mit sozialen Netzwerken um Beziehungen zu knüpfen, Ideen für Themen zu finden und Quellen zu lokalisieren.

_Kontakte zu knüpfen ist gut.
Journalisten sollten allerdings immer sicherstellen, auch ihr traditionelles Handwerk gut zu beherrschen, um an Informationen zu kommen – inklusive persönlich geführter Interviews und intensiver Recherche vor Ort.

_Journalisten müssen sich darum bemühen, die Schieflage ihrer Online-Recherche auszugleichen. Das Poynter Insitute empfiehlt, davon auszugehen, dass aktive Onliner eher junge, wohlhabende und clevere Informanten sind. Qualitäts-Journalisten haben ein Auge darauf, ihre Geschichten auf repräsentativere Grundlagen zu stellen.

_Jede Information, die online gewonnen wurde, sollte offline unabhängig davon gegengecheckt und bestätigt werden. Mindestens telefonisch sollte jede Informationsquelle im realen Leben geprüft werden. Besser ist das persönliche Interview. Behauptungen müssen immer überprüft werden.

_Informierte Informanten
Häufig neigen Informanten dazu, die Absichten von Fragenden falsch zu deuten. Jeder Journalist ist dafür verantwortlich, sein Gegenüber im Digitalen darüber aufzuklären, wer er ist, was er tut und wo die Ergebnisse der Arbeit zu finden sein werden.

_ Ganz besonders vorsichtig sollte mit Kindern und anderen gefährdeten Personen umgegangen werden. Über die Kinder sollte immer ein (Erziehungs-)verantwortlicher Erwachsener eingebunden werden.

_Sowohl den Lesern als auch den Informanten sollte transparent sein, auf welche Weise der Kontakt zustande kam, in welchem Zusammenhang die Informationen gewonnen wurden und wie sie gecheckt wurden (oder ob und warum sie ungecheckt blieben).

 

b) Markenbildung und Marketing: Empfehlungen für den redaktionellen Umgang mit sozialen Netzwerken

Es ist wichtig und nützlich, die eigene Arbeit in sozialen Netzwerken zu promoten.Meistens gibt es einen Mitarbeiter, der diese Last trägt. Aber auch die Redaktion als Institution ist für einiges verantwortlich.

Deshalb diese Empfehlungen:

_Genauigkeit: Schnell werden Titel und Teaser zu reißerisch oder zu simpel.

_Klarheit: Wenn weder Titel noch Vorspann ausgesprochene Stärken sind – trainieren!

_Eine Verlinkung ist selten verkehrt – der Link sollte allerdings auch funktionieren.

_Das Redaktionsmanagement ist dafür verantwortlich, zu den laufenden Geschichten und Projekten die strategische Markenbildung und Vermarktung zu entwickeln.

_Sowohl das Redaktionsmanagement also auch die Online-Mitarbeiter sollten in der Lage sein, zu erkennen, welche redaktionellen Themen und Geschichten sich für Online-Vermarktung und Markenbildung anbieten.

 

c) Die Balance zwischen privat und beruflich in sozialen Netzen

Einige Journalisten nutzen soziale Netzwerke ausschließlich unter professionellen Gesichtspunkten, für andere ist es ein reines Privatvergnügen. Dritte vermischen beide Ebenen. Es wird zunehmend schwierig, persönliche Seiten in sozialen Netzwerken vollkommen umfassend privat und geschlossen zu halten. Deshalb werden auch Journalisten erkennen müssen, dass alles, was sie unter ihrem Namen in Facebook oder auf MySpace veröffentlichen, das Potential hat, ihren Ruf und in der Folge auch die Glaubwürdigkeit ihrer Redaktion zu beeinflussen (°nicht anders als bei jedem anderen Angestellten auch °KM).

Daher diese auch über den Redaktionsalltag hinaus empfehlenswerten Tipps:

_Auch wenn Sie annehmen, dass die Seite privat ist: Posten Sie keine Informationen oder Unsinn, der Sie oder Ihre Redaktion in Verlegenheit bringen könnte.

_Nutzen Sie die Möglichkeiten, die Ihnen von Xing, Facebook oder MySpace angeboten werden, um den Zugang zu Ihren privaten Daten einzuschränken und Ihren persönlichen Bedürfnissen anzupassen.

_Grundsätzlich kann jede Handlung von Ihnen im Netz falsch interpretiert werden: Sie treten einer Gruppe bei, um eine Geschichte zu recherchieren, werden aber als Fan der Gruppe wahrgenommen. Transparenz kann hier helfen – machen Sie Ihre Absichten deutlich, indem Sie sie veröffentlichen. Falls es angemessen ist, können Sie in Ihrem Vorstellungsposting auch in der Gruppe direkt angeben, dass Sie auf der Suche nach Ideen für eine Geschichte sind. (°wie realistisch ist das ? °KM)

_Eine Strategie könnte darin bestehen, sich bei viele Gruppen anzumelden. Wenn Sie „Fan“ oder „Freund“ einer Partei werden, dann eben auch einiger anderer.

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Die Diskussion zu dem englischen Artikel finden Sie hier.

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