Schreiblust

Schöne Worte machen

Von: Amelie Gräf

Die Zufriedenheit von Journalist A. währt nicht lange. Leider.Als er fertig ist mit seinem Porträt über den örtlichen Kinderchor, ist er ganz fertig.

Das hat er nicht gedacht, dass er so etwas zu schreiben vermocht hatte: „Die Inanspruchnahme durch den Chor ist für die Kinder ganz immens“, hatte der Kulturfunktionär gesagt. Und so hat Journalist A. das auch geschrieben. Wie soll er die Bürokratensprech aus seinem Text tilgen?

Ach, und dabei kennt er so viele schöne Worte. Er erinnert sich daran, dass man neulich die zehn schönsten vergehenden deutschen Worte gekürt hat: Kleinod, blümerant, Dreikäsehoch, Labsal, Bauchpinseln, Augenstern, fernmündlich, Lichtspielhaus, hold, Schlüpfer.

A. beginnt, eine Geschichte mit diesen zehn Worten zu schreiben:
„Ein Dreikäsehoch hatte sich in ein holdes Mädchen verguckt. Ganz blümerant wurde ihm, wenn er es sah. Immer wieder hatte er es fernmündlich erreichen wollen.(...) Mein Augenstern, mein Kleinod, meine Labsal, dachte er traurig: Das bist du nun nicht mehr.“

Journalist A. kichert. Und schreibt seinen Text um. Und auf einmal flutscht der Text. Die starken Verben stellen sich von selber ein. Aus dem Bürokratensatz macht er: „Die Kinder geben alles für diesen Chor: zweimal die Woche zweistündig proben, oft auch am Wochenende üben, üben, üben.“

Büschelnd gegen Widersprüche: Clustering

Von: Amelie Gräf

Journalist A. hat eine Freundin. Die hat neulich ein Kurzgeschichtenseminar besucht. Und ihm erzählt, dass in einer Kurzgeschichte jeder Satz eine Handlung beschreiben soll. Also nicht: Sie ist nervös. Sondern: Ihre Hände zucken über die Tischplatte.

Das Porträt des örtlichen Kinderchores geht nicht recht voran. Journalist A. war jetzt auf einer Probe gewesen. Er seufzt und malt auf seinem Notizblock. Dann beginnt er zu clustern.

Das hat ihm seine Freundin gezeigt. Cluster heißt Busch, clustering büscheln, hatte sie ihm erzählt: „Du malst in die Mitte eines großen Blattes ein Ei und schreibst hinein, was du beschreiben möchtest, meinetwegen Chorkinder. Dann malst du einen Ast und schreibst daran eine Handlung der Kinder, an die du dich erinnerst, meinetwegen: Mädchen I kaut an Zopf. Wenn das mit einer anderen Handlung zusammen hängt, malst du daran wieder einen Ast, z.B.: Mädchen II nimmt Zopf in die Hand, sagt: Mensch, das Haar ist schon ganz abgeknabbert!“

Und so weiter. Wenn du fertig bist, kannst du gleich los schreiben. Das geht auch mit Wahrnehmungen über eine Person oder einen Ort. Das Schöne daran: „Du kannst gleich sehen, was widersprüchlich ist“, hatte sie gesagt. „Sofort spannst du Widersprüchliches auf! Geht auch, bevor man zu einem Thema recherchiert. Dann erkennst du, was du zu dem Thema schon weißt. Und wenn du recherchiert hast, kannst du das auch gleich machen, dann weißt du, wie alles zusammenhängt. Schaust von oben auf das Thema wie ein Adler auf das Feld. Ist super.“

Handlung in jedem Satz!

Von: Amelie Gräf

Saft und rote Backen soll die Reportage haben. Das hatte der Dozent im Volontärskurs gesagt. Dreizehn Jahre ist das jetzt her. Journalist A. fällt das jetzt wieder ein, als er über seinem Cluster sitzt.

Ob der das Gleiche gemeint hat wie seine Freundin, als sie ihm von den Handlungssätzen in Kurzgeschichten erzählt hat? Er nimmt sich vor, mal wieder welche zu lesen. Die letzten Kurzgeschichten hat er in der zehnten Klasse gelesen. Wolfgang Borchert. Das Brot.

Er schaut versonnen auf sein Cluster. Er markert die Handlungen, die er für seinen Text brauchen kann. Er nimmt einfach die, die ihm am lebendigsten in Erinnerung sind. Und dann schreibt er:

Sechsunddreißig Mädchen hocken auf ihren Stühlen. Zwei haben ihre Köpfe zusammengesteckt und zwitschern leise miteinander. Eines kaut auf seinem Zopf und starrt vor sich hin. Ein Mädchen malt Blümchen in seine Chormappe. Vier Jungen laufen aus dem Proberaum. Mensch, pass doch auf, schreit ein Mädchen ärgerlich auf, als ein Junge über ihre Füße stolpert. Draußen vor der Tür holt er einen Flummi aus der Tasche und wirft ihn auf den Boden. Drei stürzen sich auf ihn. Einer packt ihn. Zwei werfen sich auf ihn.

Ist eigentlich gar nicht so schwer, denkt Journalist A. Ich muss die Kinder nur etwas tun lassen. Wie gut, dass ich genau hingeschaut und hingehört habe. Und was für ein Glück, dass Kinder sich immer bewegen. Irgendwie. Das macht es viel leichter.

Dichten, bis die Überschrift kommt

Von: Amelie Gräf

Und jetzt – das kleine Porträt über den örtlichen Chef der Wasserwerke ist endlich fertig – hat Journalist A. noch ein Problem: Er muss fix eine Überschrift texten.

Das macht er normalerweise so: Text lesen, E-Mails lesen, telefonieren, aufstehen, sich einen Kaffee holen, dabei mit dem Kollegen über die Fußballweltmeisterinnen staunen, sich wieder hinsetzen, den Text lesen. So vergeht locker eine Stunde.

Journalist A. könnte sich statt dessen einer übersichtlichen japanischen Technik bedienen. Er schätzt die Kargheit in der japanischen Ästhetik. Seinen Futon hat er schon lange. Er wird ihm eigentlich ein bisschen zu hart, egal. Diese japanische Technik heißt „Haiku“. Eine Gedichtform ohne Reim in siebzehn Silben: Erste Zeile fünf Silben, zweite Zeile sieben Silben, dritte Zeile fünf Silben.

So will er’s haben:

Mit einer klaren Führung

Zu klarem Wasser!

So dichtet Journalist A., nachdem er Silben wie Legosteine getürmt und wieder verworfen hat. Überschrift: „Mit klarer Führung zu klarem Wasser“. Und da’s so schön war, dichtet er noch ein Haiku – und kann damit gleich die Bildunterschrift verbraten. Das Bild zeigt den Chef der Wasserwerke mit einem Glas Wasser in der Hand, einem Mitarbeiter zuprostend:

Chef Helmut Kaiser

Prostet mit Leitungswasser.

Ziel: Klares Wasser.

Daraus macht Journalist A. die Bildunterschrift: „Helmut Kaiser, Chef der Wasserwerke, prostet mit Leitungswasser seinem Mitarbeiter Anselm Kristchen zu: Auf klares Wasser!

Alles klar?“

Kreativ konzentrieren oder: Die Minisaga sagt alles

Von: Amelie Gräf

Eigentlich könnte Journalist A. glücklich sein. Das kleine Porträt über den Chef der örtlichen Wasserwerke steht soweit. A. ist aber unzufrieden. Der Text ist wässrig geworden. Zu dünn. Er hat zu viel nachgekippt. Und wo soll er jetzt kürzen?

Er findet alles wichtig. Er weiß auch, dass es dem Text nicht gut täte, jetzt alle konkreten Wahrnehmungen rauszukürzen und nur das Faktenskelett übrig zu lassen. Zu trocken.

A. erinnert sich daran, dass ihm mal ein Kollege in der Mittagskantine erzählt hat, er habe sich angewöhnt, seine Texte nach der Rohfassung immer in fünfzig Worten zu schreiben. Mit möglichst viel konkreten Beschreibungen. Seltsamerweise, mümmelte der Kollege damals, wüsste er danach sofort, worauf es ankäme. Außerdem bekäme der Text „echt Zug – da kommen dann endlich mal kurze Sätze aufs Papier!“ „Minisaga“ nenne sich das und käme, wie so viele skurrile gute Sachen, aus England.

A. seufzt. Kollege Sch. schaut herüber und hebt die Augenbrauen. Er muss jetzt was tun. „Nüscha nix“, hatte sein Großvater in solchen Situationen immer gesagt. A. schreibt das Porträt noch mal in Kurzfassung, bringt es auf fünfzig Worte. Als würde er eine Postkarte schreiben. Und weiß dann, wo er zu viele Worte gemacht hat: bei den Fakten nämlich. Die passen prima in einen Kasten. Wie viel Wasser und wie sauber und wie hart und so weiter. Ist ja schließlich ein Porträt. Das hatte er beim Schreiben ganz vergessen.

Horror vacui II oder: Erschreibe Dir einen Einstieg!

Von: Amelie Gräf

Journalist A. hat einen Tipp beherzigt:

Er hat zehn Minuten lang automatisch geschrieben.

Und jetzt? Er liest sich durch sein hastiges Gekrakel. Wundert sich. Und findet seinen Fokus für sein kleines Porträt über den neuen Chef der Wasserwerke: Helmut K. hat Angst vor Wasser.

Prima. Drops gelutscht.

Journalist A. starrt auf sein leeres Dokument und den Curser. Der tickt und tickt und will den ersten Satz nicht gebären.

Journalist A. greift zum Bleistift und probiert einen zweiten Tipp. Er wählt aus seinem automatischen Text intuitiv den Satz, der ihm am besten gefällt. Nimmt ihn zum Ausgang eines neuen automatischen Textes und schreibt wieder zehn Minuten. Liest dann, erwählt sich erneut einen Satz, der ihm intuitiv am besten gefällt und schreibt wieder zehn Minuten automatisch.

Danach liest er sich alles noch einmal durch. Und was hat er davon? Einen Einstieg!

Mit jedem neuen Anfang, merkt er jetzt, ist er konkreter geworden. Zunächst hat er sich an sein Thema herangeschrieben. Seine intuitive Satzwahl hat ihn nicht nur weiter in sein Thema hineingetrieben. Jetzt hat er seine Wahrnehmungen über Helmut K. formuliert. Z.B. die wachsweiße, waschlappenschlappe Hand von Helmut K. Die war ihm vorher gar nicht aufgefallen.

Journalist A. könnte, wenn er nicht fündig geworden wäre, jetzt mit verkürzten Schreibzeiten (fünf Minuten) weiterschreiben. Bis der Einstieg da ist.

Es kann auch anders kommen. Jeder neue Anfang hätte Journalist A. von seinem gerade gefundenen Thema wegführen können. Zu einem philosophischen Exkurs – z.B. über die unbewusste Berufswahl von Führungskräften. Was heißt: Neues Thema, neues Glück.

Horror vacui I oder: Überliste den inneren Zensor!

Von: Amelie Gräf

Montagmorgen. Journalist A. betritt die Redaktion. Das Wochenende kaspert noch in ihm herum. Sein Chef erinnert ihn an den Auftrag, ein kleines Porträt über den neuen Chef der Wasserwerke zu schreiben: „Will ich heute um drei auf dem Schreibtisch haben“. A. seufzt. Zieht seine Jacke aus. Geht zur Kaffeemaschine. Setzt sich mit dampfendem Becher an seinen PC. Checkt E-Mails. Beantwortet sie. Öffnet ein neues Dokument. Schaut in seine Notizen. Spärlich. Sein innerer Zensor ist unwirsch, verwirft alle Angebote, die A. ihm macht: „Langweilig“.

Journalist A. will seinen inneren Zensor zum Schweigen bringen. Wie das geht?

Mit automatischem Schreiben.

Einfach losschreiben. Zehn Minuten lang. Mit der Hand (besser, da so die Routine weg fällt) oder am PC. Alles protokollieren, was dem Schreiber durch den Kopf geht. Wenn sich das Wochenende vordrängelt – okay, Vorfahrt lassen. Nicht aufhören, nicht zurückschauen, kein Zwang zu vollständigen Sätzen. Wenn das Schreiben dickflüssig wird: sich einen Buchstaben wählen, der häufig vorkommt, z.B. „S“, ein Wort mit „S“ schreiben und weiter. Oder: alle Wörter hintereinander schreiben, ohne den Stift abzusetzen. Groß-/Kleinschreibung, Interpunktion – egal. Das Schreiben hat kein Ziel. Vergangenheit, Zukunft, persönliche Erinnerungen: alles ist erlaubt.

Was fällt ab dabei?

Ein Thema (z.B. Wassertester), ein Fokus (z.B. Chef der Wasserwerke hat Angst vor Wasser), ein Bild (z.B. „ingwerblond“), eine Schreibform (z.B. ein Porträt in Du-Form).

Wann lohnt es sich, automatisch zu schreiben?

Wenn ich nichts über ein Thema weiß und erfahren möchte, was ich damit verbinde: Was ist dran am Knochen?

Wenn ich recherchiert habe und den Text schreiben muss. Wie Journalist A.

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