Die Akademie: Struktur, Kultur, Partner
Wo Journalisten seit 40 Jahren ihr Handwerk lernen
Hamburg, August 2010. „Journalismus ist keine Kunst, sondern ein Handwerk, das sich erlernen lässt“, sagt Annette Hillebrand, Leiterin der Akademie für Publizistik in Hamburg.Seit 40 Jahren bildet die Akademie Volontäre aus und trainiert erfahrene Journalistinnenund Journalisten für ihre berufliche Praxis. Mit ihren mehr als 150 Kursen und Inhouse-Seminaren im Jahr gilt sie als erste Adresse für die journalistische Aus- und Weiterbildung in Deutschland. „Zu uns kommen Menschen, denen die Qualität ihrer Arbeit am Herzenliegt“, sagt Hillebrand. „Die Journalisten wollen bei uns ihre Kenntnisse vertiefen oder Neues lernen, um sich auf Veränderungen im Berufsalltag vorzubereiten.“ Denn Journalisten müssen heute nicht nur unterschiedliche Darstellungsformen wie Nachricht, Reportage oder Kommentar beherrschen. In Zeiten von Crossmedia und Newsrooms schreiben sie Artikel für die Zeitung und die Website zugleich, fotografieren und filmen und stellen die Ergebnisse ins Netz.
- Die Teilnehmer der Akademie für Publizistik im Überblick
- Die Akademie bildet pro Jahr 280 Volontäre aus.
- 700 Journalisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz belegen jährlich die Weiterbildungsseminare.
- Mehr als 26.000 Journalisten haben die Akademie seit ihrer Gründung 1970 kennengelernt.
Dozenten aus der Praxis
Die Akademie für Publizistik richtet das Seminarangebot kontinuierlich am Bedarf der Praxis aus. Das achtköpfige Team erweitert und aktualisiert das Programm von Jahr zu Jahr: 2010 wird es mehr Seminare geben als je zuvor. Journalisten mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen besuchen Kurse, die auf ihre Vorkenntnisse und Erwartungen zugeschnitten sind: Volontäre lernen an der Akademie das journalistische Handwerk; dazu gehört auch, crossmedial zu arbeiten. Redakteurinnen üben das multimediale Erzählen mit Texten, Grafiken, Fotos und Videos im Internet und Chefredakteure erweitern ihre Führungskompetenzen. Seminare mit Themen aus der Öffentlichkeitsarbeit komplettieren das Angebot.
In der Lehre unterstützen etwa 200 Praktiker die Akademie, darunter prominente Profis wie Dunja Hayali, Moderatorin des ZDF-heute journals, und Heribert Prantl, Leiter des Ressorts Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung. „Hier herrscht der Geist, den guter Journalismus braucht“, erklärt Prantl seine Motivation, an der Akademie für Publizistik zu unterrichten. „Die Akademie ist ein Ort der journalistischen Konzentration. Sie ist ein Ort des gemeinsamen Denkens und Lernens in sehr praxisnaher Atmosphäre.“
Internationales Masterprogramm
Immer bedeutender wird es für die Akademie für Publizistik angesichts aktueller Entwicklungen in den Verlagen, international zu arbeiten: Gemeinsam mit der Leipzig School of Media gGmbH, der Schweizer Journalistenschule und dem Kuratorium für Journalistenausbildung in Österreich bietet die Akademie den berufsbegleitenden Masterstudiengang „new media journalism“ an. In vier Semestern lernen Journalisten, wie das konvergente Zusammenspiel von Print, Hörfunk, Video, IT und Internet funktioniert.
Regelmäßig lädt die Akademie für Publizistik zudem renommierte Referentinnen und Referenten aus dem Ausland ein. Der „Bombay Flying Club“ aus Dänemark stellt Web Documentaries vor, ein neues journalistisches Format im Internet. Und Paul Myers, Recherchetrainer bei der BBC in London, erklärt den Teilnehmern die Besonderheiten der Online-Recherche.
Von Journalisten, Verlagen und Verbänden gegründet
Hamburger Journalisten, Verlage, die Journalistenverbände der vier norddeutschen Bundesländer und der NDR gründeten die Akademie für Publizistik im Juli 1970 als eingetragenen gemeinnützigen Verein. „Learning by doing reichte uns im redaktionellen Alltag für eine fundierte Ausbildung nicht mehr aus“, sagt Manfred Jenke, damals Leiter der Hauptabteilung Information beim NDR. „Deshalb wollten wir einen Ort schaffen, an dem der journalistische Nachwuchs professionell und überbetrieblich sein Handwerk lernen kann.“ Von Anfang an hatten die Gründer auch die Weiterbildung im Blick. So startete die Akademie vor 40 Jahren mit einem vierwöchigen Kompaktkurs für Volontäre und dem Fachseminar „Neue Produktionsverfahren in Presse, Hörfunk und Fernsehen“.
Ihr Angebot hat die Akademie für Publizistik seitdem ständig weiterentwickelt. Die Trägerschaft durch einen Verein ist bis heute ein erfolgreiches Modell. Mitglieder sind Verlage, Verleger- und Journalistenverbände. Etwa drei Viertel des Budgets erwirtschaftet die Akademie aus Kursgeldern. Zu einem Viertel finanziert sie sich aus den Mitgliedsbeiträgen, Spenden und projektgebundenen Zuwendungen. Damit stattet die Akademie zum Beispiel das Fernsehstudio und die Multimedia-Räume mit neuester Technik aus.
Die Qualität im Blick
„Belangloses von Belangvollem unterscheiden, gründlich recherchieren und verständlich schreiben – das zeichnet Qualitätsjournalismus aus“, so Annette Hillebrand. Im heutigen Redaktionsalltag ist diese Arbeitsweise aber längst nicht mehr selbstverständlich. In der Verlagskrise und angesichts der damit verbundenen Einsparungen stehen Journalisten verschärft unter Zeit- und Konkurrenzdruck. Sie haben immer weniger Zeit für Recherchen. Gerade in dieser Situation möchte die Akademie für Publizistik sich umso mehr für journalistische Qualitätsstandards engagieren.
Daher gründete sie schon 2003 einen Ethikrat. Vier Medienexperten nehmen sich seitdem der Fragen von Journalisten an, denen bei der Arbeit moralische Zweifel kommen. Themen sind zum Beispiel der Umgang mit PR-Informationen oder Fehlverhalten von Kollegen. Annette Hillebrand ist sicher, dass der Ethikrat gerade in der Zukunft gebraucht wird – und das sei gut so: „Wer journalistisch arbeitet und das Zweifeln aufgegeben hat, sollte seinen Beruf an den Nagel hängen“, sagt sie.

