Die Geschichte
40 Jahre Spürsinn und Eigensinn an der Akademie für Publizistik
Hamburg, August 2010. Filme drehen, Teaser schreiben, Töne schneiden, für die Reportage recherchieren, über Medienethik sprechen – das alles erleben Volontäre in den Kompaktkursen der Akademie für Publizistik. Die Dozenten geben ihnen auf jede Arbeit Feedback. Sie lernen die Strukturen des Medienmarktes kennen und entwickeln Perspektiven für ihre berufliche Zukunft.
Davon konnten Journalisten und Journalistinnen in den 60er Jahren nur träumen. Denn damals hieß die Devise „learning by doing“. Journalist war man qua Begabung: Wenn man Talent hatte. Mit Glück gab es in der Redaktion einen sogenannten Volontärsvater, der die Grundregeln des Handwerks vermitteln konnte. Das reicht nicht! – sagten Ende der 60er Jahre Verantwortliche in Verlagen und Sendeanstalten. Sorge um die Qualität des Journalismus trieb sie um. Im Sommer 1967 bat der Deutsche Journalistenverband die Berufsvereinigung Hamburger Journalisten, Möglichkeiten für journalistische Qualifizierung außerhalb der Redaktionen auszuloten.
Ansehen und Wirkung des Journalismus stärken
Drei Jahre später, am 15. Juli 1970, gründen Verlage, darunter der Spiegel-Verlag, Gruner und Jahr und die Lübecker Nachrichten, die Akademie für Publizistik in Hamburg – gemeinsam mit den Journalistenverbänden der vier norddeutschen Küstenländer und dem NDR. Kurt Maschmann, erster Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins und Lokalchef der Hamburger Morgenpost, nennt die Ziele: „Die Akademie soll helfen, dass der Journalismus an Ansehen und Wirkung gewinnt!“
„Ansehen und Wirkung“ – diese Begriffe beschreiben das berufsethische Selbstverständnis der Gründer: Journalisten sind wichtige Akteure im Prozess der politischen Willensbildung. Die Akademie setzt bis heute auf diese beiden Prinzipien:
- das Bewusstsein für verantwortlichen Journalismus zu fördern;
- aus der Praxis für die Praxis zu lehren.
Aus der Praxis für die Praxis
Das Programm des ersten Kompaktkurses von 1971 spiegelt das wider: Neben klassischen Themen wie Nachrichtenbearbeitung und Sprache befassen sich die Volontäre mit Kommunikationspolitik, Soziologie und Verfassungsrecht. Aber auch mit der „Rechenscheibe und ihrer Anwendung“, einem damals unverzichtbaren Hilfsmittel für das Layout. Von Beginn an haben die Gründer auch die Weiterbildung im Blick: Im ersten Kurs lernen Journalisten „Neue Produktionsverfahren in Presse, Hörfunk und Fernsehen“ kennen. Wie? Sie besuchen unter anderem die Redaktionen von Hamburger Morgenpost und Tagesschau und erhalten „Lehrvorträge mit Aussprache“.
Politische Debatten in schwarzen Ledersesseln
In den Kursen wird gestritten und in den Anfangsjahren auch geraucht – so heftig wie nur möglich. Politik und Ethik des Journalismus sind die Themen der Diskussionen. Dabei liegen die Teilnehmer eher als dass sie sitzen – in schwarzen Ledersesseln, die der NDR ausrangiert hat. Hellmuth Karasek, damals noch beim Spiegel, und Eberhard Maseberg, Chefredakteur des Allgemeinen Deutschen Sonntagsblattes, geben ihre Sicht der Welt zum Besten. Das Ambiente für diese Debatten ist eindrucksvoll: eine Villa im Stadtteil Pöseldorf. Von den stuckverzierten hohen Räumen aus geht der Blick über eine säulengeschmückte Terrasse zu den Segelbooten auf der Außenalster.
Heute wollen Erwachsene nicht mehr zu Füßen der Profis sitzen. Sie erwarten von den Dozenten ein Gespür für Lernprozesse und Vielfalt der Methoden. Das Tandem-Prinzip der Akademie gewährleistet dies: Seminarleiter wählen die Dozenten aus und konzipieren mit ihnen die Kurse. Bereits 1980 wird der erste sogenannte Tutor eingestellt, um die didaktische Qualität zu sichern. In dieser Zeit entsteht in der Akademie ein Umgangston, den die Teilnehmer bis heute schätzen und den alle ihre Direktoren pflegen: Armin Sellheim, sein Nachfolger Will Teichert und die jetzige Direktorin Annette Hillebrand. Will Teichert hat es „amical“ genannt. Gemeint ist: wertschätzend und ermutigend in der Kritik – an Texten, Filmen oder Hörstücken.
Spürsinn und Eigensinn
Dass der Weg der vergangenen 40 Jahre so erfolgreich war, schreibt Manfred Jenke, einer der Gründer und damals Leiter der Hauptabteilung Information beim NDR, zwei Stärken der Akademie zu: ihrer „Wandlungsfähigkeit, gepaart mit einem guten Schuss Eigensinn“. Zu den Printkursen kommen Ende der 70er Jahre Foto-, dann Hörfunk- und Fernsehseminare hinzu, Anfang der 90er Jahre erste Online-Kurse. Immer geht es um Journalismus, nie um die rein technische Fertigkeit.
„Die Teilnahme an allen Kursen ist kostenlos“, werben die Programme der 70er Jahre. Damals finanzierten die Mitglieder die Akademie mit ihren Beiträgen. Die Direktoren mussten zusätzlich Spenden einwerben. Heute könnte die Akademie ohne Kursgebühren nicht existieren. Nur noch ein Viertel des 1.400.000 Euro umfassenden Jahresetats stammt aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden und Projektförderungen.
Ob die Akademie für Publizistik das „Ansehen des Journalismus“ stärken konnte, wie es die Gründer wollten, steht dahin. Mit Sicherheit haben viele der insgesamt 26.000 Seminarteilnehmer, die die Akademie seit ihrer Gründung kennengelernt haben, entscheidende Impulse bekommen. Ines Pohl, Chefredakteurin der taz und Absolventin eines Volontärskurses von 1997, sagt: „In der Akademie habe ich das Handwerk von der Pike auf gelernt: von der sorgfältigen Recherche über Interviewtechniken bis zur Textarbeit. Die Dozenten haben uns die Verantwortung von Journalisten bewusst gemacht. Davon profitiere ich noch heute.“

